Duocarns - Fantasy Buchserie

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Duocarns

Freitag, 11. November 2016

Still, still, still - weil's Kindlein schlafen will!



Still, still, still - weil’s Kindlein schlafen will!


Hier sitze ich an meinem Rechner vor meinen Büchern und Geschichten. Ach, wie lang habe ich daran gearbeitet, die treffenden Worte zu finden, habe tausende Seiten geschrieben, um zu lernen mich auszudrücken. Nun gehorchen sie mir, die Worte. Ich kann sie benutzen, um all das, was sich in meinem Kopf befindet, zu Papier zu bringen. Und viele, viele verstehen mich. Durchleben mit mir meine Geschichten.

Nun fällt es mir leicht zu beschreiben, wie sich die Hände der Heldin verkrampfen, wie schmerzhaft die Fugen der stahlblauen Fliesen in ihre Knie drücken. Ihr Held, ihr Geliebter hat sie gezwungen, dort vor ihm niederzuknien und zu verharren.
Ich finde die richtigen Worte, oh ja. Kann verdeutlichen, was ich denke und fühle. Aber ich schrecke zurück, wenn ich die Augen öffne, aus meinen Geschichten auftauche und die Wirklichkeit betrachte.

Es wäre mir ein Leichtes zu schildern, wie sehr ich es hasse, morgens auf dem Weg zum Bäcker von schwarzen Zuwanderern in dem Park vor meinem Haus angequatscht zu werden, ob ich Drogen kaufen möchte. Herrgott, wieso sind diese Kerle plötzlich dort, mitten in meinem Land? Jedes Mal laufe ich schneller aus Angst, sie könnten mehr von mir wollen als nur mein Geld. Ob ich mir in Zukunft lieber gefrorene Brötchen im Supermarkt kaufen soll?

Natürlich könnte ich auch erzählen, wie das liebe Mädel aus meinem Bekanntenkreis, Azar, eine Perserin, von ihrem Vater gezwungen wurde in den Iran zurückzukehren, nachdem sie ihre Kindheit in Deutschland verbracht hat. Ich könnte ihre Tränen und ihre Angst schildern, in ein Land zu fahren, das ihr nicht nur fremd ist, sondern dass sie als Frau, als Persönlichkeit auf unerträgliche Weise einzwängt.

Selbstverständlich könnte ich im Internet, wenn ich mit meinen Freunden bei Facebook chatte und radikale Kommentare finde, antworten: »Du solltest dich mäßigen, denn nur durch deine Ausdrucksweise setzt du dich ins Unrecht, obwohl deine Aussage sicherlich stimmt.« Ich könnte ausgleichend, schlichtend und aufklärend wirken. Denn ich beherrsche die Worte, die verändern könnten.

Ja, könnte.
Ich starre auf meinen Screen. Dort reitet meine Heldin in einer nebeligen Nacht von finsteren Gedanken gequält.
Natürlich könnte ich etwas in meinem sozialen Umfeld bewirken. Nicht viel, nur Kleinigkeiten. Aber ich mache es nicht. Was, wenn meine Nachbarn herausfinden, unter welchem Nick ich bei Facebook bin? Oh je, oder vielleicht sogar meine konservative Erbtante? Und das Schlimmste - was könnten meine Leser sagen? Die Geschichte von Azar. Man würde mich für eine Feministin halten. Oder die Dealer im Park. Oh Gott, mir bricht der Schweiß aus. Die Leute könnten denken, ich sei Rassistin! Als Folge davon würden meine Buchumsätze einbrechen. Bei dem Gedanken fangen meine Hände an zu zittern.

Ich könnte etwas verändern, könnte den Mund aufmachen, aber wenn so viele Nachteile auf mich lauern?
»Wer da?«, brüllt die Heldin in die Dämmerung. Ihre Stimme erstirbt in den winzigen Wassertröpfchen, wird aufgesaugt wie von einem nassen Schwamm. Sie ahnt, dass die schemenhaften Gestalten dort im Nebel ihre Häscher sind. So weit ist sie gekommen, wie tapfer hat sie gekämpft. Gegen alle Widerstände hat sie ihre Liebe verteidigt, ihre Ehre und ihr Land.

Und ich sitze hier und starre auf meinen Screen, auf meine Hände und bin einfach nur feige.



Pat McCraw 2016

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